|
Als 1985 Irmingard von Freyberg verstarb, ist mit ihr eine bedeutende Vertreterin der Scherenschnittkunst des 20. Jahrhunderts verloren gegangen.
Ich hatte großes Glück mit ihr unter einem Dach zu wohnen. Schon im Kindesalter verbrachte ich sehr viel Zeit bei "unserer Baronin". Sie konnte noch so sehr mit ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sein, man war dennoch stets willkommen.
Ihr Wohn-Atelier unterm Dach in der Alten Brückenstraße war überfüllt von Raritäten, sei es altes Spielzeug, Spieldosen und unzählige Holzfiguren - es war wie ein Paradies für mich. Aber auch beim Zuschauen ihrer Arbeit wurde es mir nie langweilig. Aufmerksam beobachtete ich, wie geschickt ihre Hände aus einem Klumpen Ton die schönsten Figuren zauberten. Aber auch die Kunst, aus leblosen Schatten, dem schwarzen Scherenschnittpapier lebendige Bilder zu schaffen, erstaunte mich immer wieder.
Nicht selten kam sie meinen Interessen entgegen. Entweder drückte sie mir einen Klumpen Ton in die Hand oder sie gab mir Schere und Papier, so dass ich sie eifrig in ihrer Arbeit nachahmen konnte.
Stets kamen ihre geschickten Handgriffe zu Hilfe. Eine große Anzahl von Keramikfiguren und kleinen Scherenschnittbildern erinnern mich heute noch an die unzähligen Stunden, die ich gerne bei "unserer Baronin" verbrachte.
Im Frühjahr 1985 verstarb nach kurzer schwerer Krankheit Irmingard von Freyberg. Gut ein Jahr nach ihrem Tod erwachte beim Anblick ihrer Scherenschnittbilder, die sich im Laufe unserer Hausfreundschaft bei meinen Eltern angesammelt hatten, wieder das Interesse an ihrer Arbeit.
So schickte ich mich wieder einmal an, sie nachzuahmen. Leider konnte ich nicht mehr ihre persönliche Hilfe in Anspruch nehmen. Ihre Techniken, die Schattenbilder in einen Hintergrund einzufügen, der mit Grafitstaub auf einen Flies- bzw. Japanpapier erzeugt wird, habe ich übernommen.
Aber es dauerte einige Zeit bis ich mit meinen Bildern zufrieden war. Beim Vergleich ihrer und meiner Werke erkannte ich immer wieder aufs Neue, dass es noch dauern wird, bis ich an ihre künstlerischen Fähigkeiten herankomme.
Sommerhausen im November 1995/2002
|